Leichtbau beim Carbon-Lenker: Wenn jedes Gramm zählt

Schnell, schneller, Olympia-Sieger! Wie bei vielen Disziplinen kommt es auch im Radsport darauf an, mit Highend-Sportgeräten zu punkten. Ein neu entwickelter Lenker aus Carbon, der auf Profierfahrung zurückgreifen kann, wurde nun vom Fachbereich LsW der BTU Cottbus – Senftenberg vorgestellt.

Anfang 2018 kam einer der profiliertesten Radsporttrainer der Welt zurück nach Cottbus. Dort hatte er Mitte der Achtziger Jahre seine Karriere begonnen. 27 Jahre war er im Ausland tätig: Australien, Dänemark, Russland, Schweiz, Großbritannien. Er formte Fahrer wie den späteren Straßen-Weltmeister Cadel Evans oder Top-Sprinter Robbie McEwen. Den dänischen Bahnvierer führte er 2008 zu Olympia-Silber. Die Rede ist von Heiko Salzwedel, der „Louis van Gaal des Radsports“, wie ihn Bradley Wiggins einmal nannte. Wiggins muss es wissen: Der achtmalige Weltmeister gewann 2012 die Tour de France – und wurde von Salzwedel gecoacht. Nun profitieren gleich mehrere Player vom geballten Wissen und der Erfahrung Salzwedels. Und sie haben sich für ein einzigartiges Projekt zusammengetan, das den Radsport in Brandenburg sprichwörtlich nach vorne bringen soll. Es ist eine Revolution in Sachen Materialentwicklung und -formung.

Salzwedel betreut die durchtrainierten Ausdauerfahrer im LKT Team Brandenburg. Das Fahrrad-Team ist nach seinem Sponsor, der Lausitzer Klärtechnik GmbH benannt, die ihren Sitz in Luckau hat. Schon seit längerer Zeit arbeitet LKT mit dem Fachgebiet „Leichtbau mit strukturierten Werkstoffen“ (LsW) der BTU Cottbus – Senftenberg zusammen. Geleitet wird das Fachgebiet von Prof. Dr.-Ing. Holger Seidlitz. Eine der Kooperationen ist beispielsweise das „Flex-Reha-Schacht-Projekt“, das von der Wirtschaftsförderung Brandenburg (WFBB) unterstützt wird und medienwirksam in einem Imageclip festgehalten wurde. Nachhaltige Projekte in Brandenburg stehen im Fokus der Förderung, insbesondere wenn sie die Themenfelder Biopolymere, Kunststoff-Recycling und Leichtbau betreffen. Mit dem Radsport haben die Wissenschaftler und Materialfachleute vom LsW nun eine sportive Herausforderung angenommen.

Salzwedel, der höchste Ansprüche hat, lieferte ein genaues Briefing. Ein Lenker aus leichten, dennoch stabilen Materialien sollte her, um die Bikes, die sein Team nutzt, noch besser zu machen. Einer der Projektleiter bei LsW ist Jonas Krenz. Der wissenschaftliche Mitarbeiter, der sich während seines Studiums an der BTU bereits mehrfach mit der Entwicklung von Highend-Geräten für den Sport beschäftigte, erinnert sich an das konkrete Briefing, das Salzwedel vorgab: „Er ist es gewohnt, mit dem besten Material zu arbeiten. Beim sogenannten Cockpit, das sich aus Lenker, Vorbau, Armschalen, Extensions und Verbindungskomponenten zusammensetzt, war er mit dem, was es auf dem Markt gibt, nicht zufrieden.“ Das Problem bestand darin, dass die Geometrien und Maße, die die Fahrer benötigen, um eine optimale Position einzunehmen, bis dato nicht verfügbar waren. Krenz und sein Team legten los. Sie hatten bereits eine Carboneinlegeschale entwickelt, auf deren Basis sie weiterarbeiteten konnten. Sie formten Werkzeuge, testeten Carbonverbindungen, involvierten auch die Radsportler, die von Team-Manager Steffen Blochwitz betreut werden. Der war begeistert, als er die ersten Ergebnisse begutachten konnte: „Das Gesamtpaket ist super. Wir haben alles hier in Cottbus. Das verbindet. Es ist schön, dass in unserer Region Spitzensport möglich ist – und eben auch technische Spitzenleistungen. Das macht einen schon ein bisschen stolz.“

„Das ist der Formel-1-Rennwagen unter den Lenkern“ - Philip Weber, LKT-Team-Brandenburg

Am Ende stand ein Produkt aus Carbon, das alle Anforderungen mit Bravour meisterte: verbesserte Aerodynamik, ergonomische Griffe, idealer Halt in den Armschalen und erhöhte Steifigkeit machen den Athleten in Summe schneller und das Bike sicherer. „Wir haben es geschafft, die Aerodynamik zu optimieren, sprich die erforderliche Leistung, um den Lenker durch die Luft zu schieben, um 23,7 Prozent im Vergleich zum ursprünglich verwendeten Modell zu reduzieren“, erklärt Krenz. „Der Lenker ist gleichzeitig leichter (Gewichtsvorteil von 44,7 Prozent) und steifer (Steifigkeitsvorteil von 46,7 Prozent), so dass die Kraft beim Anfahren optimal auf die Bahn übertragen werden kann.“

Was der Wissenschaftler an Zahlen festmacht, loben die Sportler anhand spürbarer Verbesserungen bei ihren Testfahrten. „Die Kraftübertragung ist super, genauso wie ich es mir gewünscht habe“, erklärt Richard Banusch, Deutscher Meister im Zweiermannschaftsfahren. Teamkollege Philip Weber vergleicht das Ergebnis sogar mit einer der schnellsten Sportdisziplinen überhaupt: „Das ist der Formel-1-Rennwagen unter den Lenkern! Da er ganz individuell auf mich zugeschnitten ist, hat sich meine Position auf dem Rad deutlich verbessert.“

LKT-Manager Steffen Blochwitz freut sich mit seinen Jungs. Jetzt kann er neue Erfolge anvisieren: „Wir haben für die kommende Saison 14 Sportler, statt der elf in der ablaufenden Saison, verpflichtet“, rekapituliert er. „Möglich machen dies die starken Partner des Teams, aber auch die Notwendigkeit, wenn man zwei unterschiedliche Zielstellungen (Bahn und Straße) verfolgt und erfolgreich absichern möchte.“ Die neuen Lenker werden ihn und sein Team weiter nach vorne bringen.

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