Mikroplastik – Recycling ist nicht alles

Interview mit Thomas Büsse, Fraunhofer IAP

Ein geschlossener Rohstoff-Kreislauf würde Ressourcen und Energie sparen und Kunststoffabfälle in der Natur vermeiden. So einfach ist es jedoch nicht; von der Ideallösung sind wir noch weit entfernt. Thomas Büsse vom Fraunhofer IAP in Schwarzheide plädiert für eine pragmatische Lösung.

freundlich blickender Mann mit angegrautem Haar blauem Anzug und rot-blau gestreifter Krawatte
Dipl.-Ing. Thomas Büsse, Fraunhofer IAP, Foto: Till Budde

Herr Büsse, Sie sprechen sich dafür aus, die beiden Themen Recycling und Mikroplastik in unserer Umwelt zu trennen. Warum?

Es handelt sich nicht um den gleichen Themenkomplex – im Gegenteil, beide Phänomene haben eigentlich nicht viel miteinander zu tun. Nehmen Sie das deutsche Recyclingsystem: Ein Großteil des Kunststoffabfalls wird eingesammelt, dieses System funktioniert sehr gut. Die wahren Herausforderungen liegen jedoch woanders: Wie lassen sich die darin enthaltenen Verbundstoffe und die zahlreichen unterschiedlichen Materialien zuverlässig trennen? Dies ist die Voraussetzung dafür, dass wir hochwertige und ihrerseits wiederverwertbare Recyclingprodukte bekommen. Das Thema Mikroplastik, also winzige Teile von Kunststoffen, die sich in der Natur anreichern, findet also nicht im Recyclingprozess statt. 

Das heißt, das Mikroplastik entsteht dort, wo das Sammelsystem versagt?

Zum Teil trifft das zu. Dabei muss man gar nicht von einem „Versagen“ sprechen: Es liegt in der Natur einiger Kunststoffprodukte, dass die Nutzungsdauer kurz ist und dass sie höchstwahrscheinlich nicht eingesammelt werden können. Nehmen Sie dünne Folien, die in der Landwirtschaft eingesetzt werden. Plastiktüten, die der Wind wegweht. Oder Einweg-Trinkbecher, wie sie auf Festivals oder Marathons gereicht werden und in der Hecke oder im Wasser landen. Die meisten Kunststoffe, die wir heute nutzen, zersetzen sich erst nach Hunderten, wenn nicht sogar tausend Jahren. Sind sie in der Umwelt, werden sie mit der Zeit durch die Naturgewalten in kleinste Partikel zerteilt. Hinzu kommen große Mengen an Partikeln, die durch Abrieb oder Abnutzung entstehen, was nutzungsbedingt derzeit nicht zu verhindern ist. Hinzu kommen noch Textilfasern. Dieses Mikroplastik ist mittlerweile bis in die menschliche Nahrung vorgedrungen, landet also auf unserem Teller. Und da jeden Tag eine erhebliche Menge Kunststoff dazukommt, sich das Material aber nicht abbaut, wird es immer mehr. Der Abfall in der Umwelt häuft sich so quasi seit der Mitte des letzten Jahrhunderts an.

Gibt es eine Lösung für dieses Problem?

Eine naheliegende Lösung wären Verbote für bestimmte Kunststoffprodukte. Wie aber lässt sich so eine Regelung flächendeckend durchsetzen? Man darf nicht vergessen, dass Kunststoffe nicht grundsätzlich schlecht sind. Die meisten Kunststoffprodukte haben durchaus ihre Berechtigung, ihre Eigenschaften machen sie wertvoll – sie schützen zuverlässig Lebensmittel und andere Waren, sparen Energie durch ihr niedriges Gewicht und vieles mehr. Eine Erhöhung der Preise für Kunststoffprodukte mit kurzer Lebensdauer wäre eine andere Möglichkeit, auch hier wäre die Politik in der Pflicht.

Was kann also die Forschung tun?

Mein Vorschlag ist es, immer mehr Produkte aus Material herzustellen, das sich in der Umwelt deutlich schneller zersetzt als herkömmliche Kunststoffe. Solche Produkte gibt es heute bereits – wenn sich ein Einwegbecher nach 2 statt nach vielen 100 Jahren zersetzt hat, vergrößert sich zumindest der Anteil des Plastiks in der Umwelt nicht mehr.

Warum fangen wir nicht sofort damit an?

Es gibt bereits gute Lösungen für abbaubare Kunststoffe. Zahlreiche Produkte lassen sich schon heute durchaus ersetzen. Bei anderen ist es schwer, die Eigenschaften – Haltbarkeit, leichtes Gewicht, Transparenz oder Elastizität – genauso hinzubekommen wie bei den bisherigen Materialien. Hier muss die Forschung ansetzen: Indem wir Alternativen zu den Kunststoffen finden, die unser Müllproblem in der Umwelt jeden Tag vergrößern, weil sie sich dem Recyclingkreislauf entziehen, so gut er auch durchdacht sein mag. Die Verbesserung des Abbauverhaltens von Kunststoffen, über das heute bereits existierende Maß hinaus, dort müssen Forschungsanstrengungen dringend verstärkt werden. Dies wäre eine pragmatische und logische Lösung für ein drängendes Problem der Menschheit.

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