Bei der Papierherstellung in Deutschland dürfte die Altpapier-Einsatzquote im laufenden Jahr 2018 bei etwa 75 Prozent liegen – die höchste weltweit. Ganz anders sieht es noch bei Kunststoffen aus: Zwar geht hier auch schon ein großer Teil in die Wiederverwertung. Der Recyclinganteil in den einheimischen Produkten jedoch wird hier im Mittel auf lediglich etwa zwei Prozent geschätzt – wobei es in der Elektronikindustrie sogar nur ein, im Baubereich immerhin etwa zehn Prozent sein dürften.

Um das jetzige Stadium zu erreichen, hatten die Papierhersteller seit der Erfindung der Papierherstellung rund 500 Jahre länger Zeit als die Wiederverwerter von Kunststoff. Papier mit einem Recyclinganteil von 100 Prozent kam freilich hierzulande erst in den 80er Jahren auf den Markt, und wie immer war aller Anfang schwer: Noch bis in die 90er war Öko-Papier durch drei „Au“ gekennzeichnet: grau, rau, Kopierstau. Auch verlief Tinte darauf, und das Papier neigte zum Vergilben. Dennoch – und obwohl es teurer war – gehörte graues Recycling-Schreibpapier nach einiger Zeit im alternativen Milieu zum guten Ton. Zur Bereitschaft dieser Verbraucher, einen Preisaufschlag zu zahlen, trugen hier die Gewissheit geringerer Umweltbelastung und später das leichte Erkennen am Umweltzeichen „Blauer Engel“ bei.

Nach und nach lernten die meist noch neuen Anbieter dazu; alteingesessene Unternehmen sprangen auf den Zug auf. Recyclingpapier wurde in helleren, qualitativ besseren Varianten verfügbar. Heute ist grafisches Recyclingpapier von Papier aus dem Primärrohstoff Holz in der Qualität von Neuware kaum mehr zu unterscheiden – es sei denn, extreme Alterungsbeständigkeit ist gefordert. Viele Verbraucher ziehen Recyclingpapier bewusst vor; viele weitere akzeptieren es zumindest. 2017 wurde in der Verwaltung von nunmehr 28 deutschen Städten – wie schon länger für den gesamten Zeitungsdruck – ausschließlich Recyclingpapier eingesetzt.

Könnte das Kunststoffrecycling eine ähnlich erfreuliche Entwicklung nehmen? Die technischen Herausforderungen sind zwar zum Teil größer als beim Papier, doch im Gegensatz zu jenem neigt Kunststoff zum Beispiel auch dann nicht zum Verrotten, wenn man bei vorübergehender Absatzschwäche die Pressballen unter freiem Himmel zwischenlagern muss.

Großer Schub durch Blauen Engel

Der Blaue Engel, der dem Recyclingpapier einen so großen Schub gegeben hatte, prangt seit einiger Zeit auch auf den ersten Kunststoff-Abfallsäcken und auf Produkten für den Außenbereich mit mindestens 80 Prozent Recyclinganteil. Nach einer Studie der niederländischen Universität Twente steigt die Zahlungsbereitschaft für Recyclingpapier mit Öko-Zertifizierung doppelt so stark an wie ohne Zertifizierung – auch, weil Käufer nicht erst umständlich Angaben auf der Verpackung interpretieren müssen.

Sobald sich der ökologische Mehrwert von Recyclingkunststoff bei Produzenten herumspricht, steigen die Chancen für Produktion und Absatz von Recyclingprodukten – zumal große Unternehmen wie Ikea, Unilever und Proctor & Gamble vor kurzem Schritte in dieser Richtung angekündigt haben. Kommen solche Produkte verstärkt auf den Markt, können wiederum deren Käufer eher den Sinn einer getrennten Sammlung im „gelben Sack“ erkennen, wodurch es leichter wird, Sekundärkunststoffe in hoher Qualität herzustellen.

Was die Vergabe öffentlicher Aufträge angeht, könnte sich Brandenburg an den guten Erfahrungen orientieren, die Großbritannien gemacht hat: Bei größeren Bauprojekten ist der verpflichtende Anteil an wiederverwerteten Materialien mindestens 10 Prozent – und zwar auch für sämtliche kunststoffhaltigen Produkte.

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